Das Werksviertel in München tanzt auf der Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das Quartier gilt europaweit als Paradebeispiel, sich neu zu erfinden, ohne sich zu verlieren.
München (5.5.2026). Industriegelände, Knödelfabrik, Ölmühle, später Kunstpark Ost und Partymeile, dann Kultfabrik und heute urbanes Quartier mit Büros, Kultur, Gastronomie und sogar einem Riesenrad. Das Areal im Münchner Osten hat viele Leben hinter sich und erfindet sich seit über 120 Jahren immer wieder neu. Am Eingang des gefragten Quartiers, in dem heute mehr als 7.000 Menschen arbeiten, entwickelt und errichtet die Rock Capital Group mit dem Bürogebäude MONACO derzeit ein Projekt, das den Charakter des Viertels mit internationaler Formensprache aus der Feder des renommierten Büros MVRDV und einer spektakulären Fassade aus recycelten Baustellenabfällen weiterdenkt. Es steht damit exemplarisch für den Drahtseilakt des Quartierswachstums.
„Das Werksviertel ist kein Reißbrettprojekt“, sagt Andreas Wißmeier, Geschäftsführer der Rock Capital Group. „Es zeigt, dass Quartiersentwicklung nur dann funktioniert, wenn man den Geist eines Ortes ernst nimmt – und ihn nicht durch Beliebigkeit ersetzt.“ Was das heißt, sehen Interessierte am besten auf dem Dach eines Bürohauses, auf dem seit Jahren Schafe leben. Die Firmen und Gestalter geben sich viel Mühe, die wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit gleichberechtigt zu betrachten.
Architektur: Wo München besonders mutig ist
„Ein wesentlicher Impulsgeber ist die für München ungewöhnlich lebendige Architektur“, sagt Udo Peuker von der Rock Capital Group mit Blick auf die bestehenden Nachbargebäude. Die niederländischen Architekten MVRDV haben bereits das WERK12 entworfen, einen vielfach ausgezeichneten Bau mit ikonischen Riesenlettern. Aahhh, Oh, Puh sind an der Fassade zu lesen. Die preisgekrönten Architekten legen mit dem MONACO noch eine Schippe drauf. Das Neubauprojekt übersetzt die Haltung des Werksviertels in ein Konzept, das „Work“ und „Play“ architektonisch trennt und zugleich verschränkt: Ein kompakter Arbeits-Block mit wiederverwendeten, teils über 100 Jahre alten Klinkersteinen trifft auf einen spielerischen Part mit bunten Pretty-Plastic-Schindeln aus Recyclingkunststoff, die erstmals in dieser Größenordnung in Deutschland verbaut werden und die das Prinzip „Cradle to Cradle“ erlebbar machen. Dazu gibt es Terrassen, Balkone und einen Pocket-Garden – ein Office, das Dialogräume statt Flurinseln schafft.
„Mit dem MONACO wollen wir ein Haus bauen, das den Geist des Werksviertels weiterschreibt“, erklärt Andreas Wißmeier. Sein Kollege Udo Peuker pflichtet bei: „Das Erfolgsgeheimnis des Werksviertels liegt vor allem in der Bereitschaft, Geschichte nicht zu tilgen, sondern zu transformieren.“ Wer heute durch den Distrikt schlendert, spürt dies unter den Schuhsohlen: alte Gleise, rostige Schienen, Fassaden mit Narben.
Zwischen Leidenschaft und Kalkül
Der dänische Architekt Mads Mandrup-Hansen vom Büro C.F. Møller, das im Werksviertel zwei Gebäude entworfen hat, sieht in dieser Echtheit die besondere Kraft des Ortes: „Die Nähe zur Geschichte und die Offenheit der neuen Architektur schaffen eine lebendige Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wir wollten mit unserem letzten Entwurf hier ein Gebäude schaffen, das sich anfühlt, als wäre es schon immer Teil des Viertels gewesen – roh, robust und offen für Begegnung.“
Europaweite Parallelen sind selten
In München ist internationalen und lokalen Architekten und Entwicklern gelungen, was nur an wenigen Orten Europas glückt. In Kopenhagens Neo-Quartier Nordhavn läuft seit 2009 die Transformation vom Containerhafen zu einem CO₂-neutralen Viertel mit 40.000 Arbeitsplätzen und ebenso vielen Bewohnern. Die Idee: eine „Five-Minute City“ – jeder Mensch soll innerhalb von fünf Gehminuten alles erreichen, was er zum Leben braucht: Arbeit, Einkauf, Freizeit, Bildung.
Nordhavn ist ähnlich wie das Werksviertel lernende Stadtstruktur. Zwischen Wasserflächen, alten Silos und neuen Holzbauten entsteht eine Atmosphäre, die an das Werksviertel erinnert – nur maritimer, nordischer. Die Stadt Kopenhagen und die staatliche Entwicklungsgesellschaft teilen sich die Verantwortung, was Planungssicherheit mit öffentlichem Nutzen verbindet. Historische Schichten werden integriert, Altbauten bleiben Teil der neuen Identität. Die Mischung aus sozialer Vielfalt, klimagerechter Mobilität und kultureller Offenheit macht Nordhavn zu einem europäischen Vorbild – und zu einem Spiegel dessen, was sich gerade in München etabliert: ein Viertel, das sich selbst immer wieder neu erfindet.
Positivbeispiel Linz: Besser als die Geschichte
Weiter südlich, im oberösterreichischen Linz, hat die Tabakfabrik einen ähnlichen Wandel vollzogen. Wo früher Zigaretten produziert wurden, schlägt heute das Herz der Kreativwirtschaft. In den denkmalgeschützten Hallen arbeiten rund 250 Unternehmen und 1.800 Menschen – mehr als zu Industriezeiten. Das Areal versteht sich als Labor und Resonanzraum: ein Ort, der Experimente erlaubt, Fehler zulässt und Innovation fördert.
Die Transformation verlief wie in München schrittweise – von der kulturellen Zwischennutzung mit Konzerten, Pop-up-Märkten und Ausstellungen hin zur dauerhaften Ansiedlung von Start-ups, Designbüros und Bildungseinrichtungen. Entscheidend war nicht ein Masterplan, sondern eine organische Entwicklung, getragen von Partizipation und Gemeinschaft. Eine Studie bezeichnet die Tabakfabrik als „ökonomisches Biotop der Diversität“.
Das Prinzip der Kuratierung
Analog dazu könnte man das Werksviertel München als Biotop der Kuratoren bezeichnen. Die OTEC, ein Eigentümer vor Ort, beschäftigt Dutzende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Ort tagtäglich zu einem besonderen Erlebnis machen. Sie planen Festivals, Lesungen, Atelier-Tage, Kinder- und Jugendfestivals. Dreimal im Jahr lädt der Bestandshalter alle Mieter – genannt „Siedler“ – zu Festen ein, bei denen sich Kreative, Konzerne, Handwerker, Gastronomen und die diversen kulturellen und sozialen Einrichtungen begegnen.
Für viele Menschen vor Ort steckt im Werksviertel ein Stück Philosophie – im sokratischen Sinn der Lebenskunst. Die Frage, was ein gutes Leben ausmacht, zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Arbeit im Quartier. Es geht weniger um Perfektion oder Planerfüllung als vielmehr um das Entdecken, Erfahren, Scheitern und Wiederanfangen. Also genau das, was die Griechen einst als „Eudaimonia“ beschrieben: das gelingende Leben.
Ein Viertel lebt und atmet
In Zeiten, in denen viele Stadtquartiere wie geleckte Kulissen wirken, bleibt das Münchner Werksviertel auch 2026 trotz seiner Neubauten ein atmender Organismus. Während andere Areale nach Corona zu kämpfen haben, ist das Werksviertel belebt wie nie. Cafés sind voll, Veranstaltungen ausgebucht, Firmen nutzen Dachterrassen als Meeting-Spaces. Kunst und Kommerz existieren im Dialog. Das passt nach Aussagen von Maklern zu den Bedürfnissen vieler Unternehmen. „Wir sehen bei den von uns betreuten Gesuchen einen klaren Shift im Anforderungsprofil – weg von der reinen Erreichbarkeit für die Mitarbeiter hin zu lebendigen Quartieren mit Mehrwert. Das Werksviertel als 24-Stunden-Quartier steht bei Unternehmen anhaltend hoch im Kurs“, sagt Martin Riedl, Geschäftsführer von IGENUS Immobilien.
Unternehmen profitieren ganz nebenbei von der Lebendigkeit und Attraktivität des Standorts. „Die Anwesenheitsquote bei mehreren Büromietern ist die höchste in Deutschland“, zitiert Andreas Wißmeier von der Rock Capital Group mehrere andere Eigentümer, die bereits Flächen vor Ort vermieten.