München, 18. März 2026. Während im Freien besonders im Frühling Allergiehochzeit herrscht, haben viele Allergene in geschlossenen Räumen ganzjährig Saison. Die Schadstoffkonzentration in Innenräumen ist laut WHO bis zu 30 mal höher als im Freien. Der Projektentwickler UBM Development wird in München deswegen erstmals ein spezielles Siegel umsetzen. Allergikerfreundliches Bauen wird nach Expertenmeinung zu einer weiteren großen Bauaufgabe – neben Nachhaltigkeit, Schnelligkeit und Leistbarkeit.
Wenn im Frühjahr der Pollenflug den allergieanfälligen Teil der Gesellschaft lähmt, Apotheken Hochkonjunktur verzeichnen und Arbeitgeber mit Leistungseinbußen rechnen, rückt ein Widerspruch in den Fokus, der größer kaum sein könnte: Menschen achten akribisch auf Allergene im Freien, in Lebensmitteln, Kosmetika und Textilien – aber nicht in Gebäuden, in denen sie bis zu 90 Prozent ihres Lebens verbringen.
Während Nachhaltigkeitszertifikate seit Jahren Energie, CO₂ und Wasserverbrauch von Gebäuden messen, ist die medizinische Wirkung von Gebäuden bisher kaum beachtet worden. Diese Lücke schließt die AFBA – Allergy Friendly Buildings Alliance. Gemeinsam mit der European Centre for Allergy Research Foundation (ECARF), internationalen Medizinern und führenden Ingenieurbüros hat sie das weltweit erste medizinisch-wissenschaftliche Qualitätssiegel für allergikerfreundliche Gebäude und Quartiere entwickelt.
UBM Development, einer der führenden europäischen Vorreiter im Bereich der Holz-Hybrid-Bauweise, leistet auch beim allergikerfreundlichen Bauen Pionierarbeit. „Wir sehen beim Thema Allergiefreundlichkeit ein strukturelles Versäumnis der Bau- und Immobilienbranche. Hinzu kommt, dass ausgerechnet das notwendige energieeffiziente Bauen die Schadstoffkonzentration in Innenräumen erhöhen kann“, sagt Christian Berger, Vorsitzender der Geschäftsführung bei UBM Development Deutschland. „Die Holz-Hybrid-Bauweise bietet heute die technischen, ökologischen und gesundheitlichen Voraussetzungen, um nachhaltiges Bauen auch in anderen Bereichen wie Gesundheit und Wohlbefinden weiterzudenken und weiterzuentwickeln.“ Für Berger gibt es viele Zahlen und Gründe, das Thema Allergene anzugehen und auf Holz zu setzen.
Allergien sind kein individuelles Problem – sie sind ein Standortfaktor
Bundesweite Gesundheitsstudien zeigen, dass allergische Erkrankungen seit den 1990er- und 2000er-Jahren stark zugenommen haben und Allergien heute als Volkskrankheit gelten. Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbands hat inzwischen etwa jede dritte Person in Deutschland (36 %) eine ärztlich diagnostizierte Allergie. Fachleute nennen als Treiber Umwelt- und Klimafaktoren, was zu einer längere Pollensaison und neue allergenen Pflanzen führt. Aber auch Stadtluft, veränderte Lebensstile sowie eine verbesserte Diagnostik und höhere Aufmerksamkeit treiben die Zahlen nach oben. Durch den Klimawandel wird mit einer weiteren Zunahme insbesondere von Pollenallergien gerechnet; bereits heute berichtet knapp ein Viertel der diagnostizierten Pollenallergiker, dass ihre Symptome in den letzten fünf Jahren zugenommen haben.
Die zunehmende Verbreitung allergischer Erkrankungen bleibt nicht ohne Folgen: Neben den gesundheitlichen Belastungen für Betroffene entstehen europaweit volkswirtschaftliche Schäden von über 100 Milliarden Euro pro Jahr. Jede zehnte Krankschreibung ist allergiebedingt, allein Heuschnupfen verursacht jährlich rund eine Million Fehltage. Gleichzeitig halten sich Menschen im Durchschnitt 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen auf – in Wohnungen, Büros, Schulen, Hotels.
Die Innenraumluft ist dabei häufig deutlich stärker belastet als die Außenluft. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von bis zu 30-fach höheren Schadstoffkonzentrationen. Verantwortlich sind flüchtige organische Verbindungen (VOC), Formaldehyd, Weichmacher und Biozide, die aus Baumaterialien, Farben, Klebern, Bodenbelägen und Möbeln ausgasen. Sie reizen Schleimhäute, schwächen das Immunsystem und verschärfen allergische Beschwerden.
„Dass schlecht gebaute Gebäude krank machen können, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt“, erklärt Berger. Im Gegenzug ist schon heute bekannt, welche positiven Auswirkungen bestimmte Baustoffe mit sich bringen – wie etwa Holz. Das Forschungsprojekt HOMERA (Holz–Mensch–Raum) der Technischen Universität München hat für eine Metastudie mehr als 40 internationale Untersuchungen ausgewertet. Holz in Innenräumen wirkt sich demnach positiv auf Raumklima, Stresslevel, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und das Immunsystem aus. Die Studien zeigen beim Holzbau unter anderem: eine rasche Abnahme von VOC-Emissionen nach Fertigstellung, eine natürliche Regulierung der Luftfeuchtigkeit, antimikrobielle Eigenschaften unbehandelter Holzoberflächen, messbar geringere Stressindikatoren wie Herzfrequenz und Cortisolspiegel.
AFBA: Allergikerfreundlichkeit erstmals systematisch gedacht
„Wir müssen endlich beginnen, medizinisches Wissen stärker in die Baupraxis einzubringen. Das wurde bisher vernachlässigt“, sagt Angela Balatoni. Sie hat die AFBA (Allergy Friendly Buildings Alliance) 2020 aus einer persönlichen Erfahrung im innersten Familienkreis ins Leben gerufen. Bei Ehemann und Sohn wurden nach langem Rätselraten Allergien diagnostiziert. Nach ihren Worten ist die Aufgabe komplex. „Moderne, dichte und energieeffiziente Gebäude reduzieren den Luftaustausch – damit verbleiben Ausdünstungen von Materialien und Reinigungsmitteln länger in der Raumluft“, erklärt sie. „Während CO₂ und Energieeffizienz intensiv diskutiert werden, kommt die Frage nach den Auswirkungen auf das Immunsystem oft zu kurz.“
Entscheidend sei die medizinische Einordnung. Architekten und Projektentwickler könnten gesundheitliche Wirkungen von Stoffen nicht abschließend beurteilen, Mediziner hingegen keine Gebäude planen. Die AFBA bringt deshalb Disziplinen wie Immunologie, Allergologie und Dermatologie mit der Immobilienbranche zusammen. Allergikerfreundliches Bauen muss laut Balatoni nicht teurer sein. UBM-Chef Berger bestätigt dies. „Oft geht es lediglich um den Austausch von Produkten, etwa Innenfarben mit problematischen Konservierungsstoffen oder Lösemitteln. Zunächst ist es wichtig, das Thema überhaupt zu erkennen und im Planungsprozess ein Bewusstsein dafür zu schaffen“, sagt er.
Dennoch werde das Thema häufig übersehen, da Nachhaltigkeitszertifikate wie DGNB, LEED oder WELL historisch stärker ökologisch und ökonomisch geprägt seien. Sie berücksichtigen bei der Pflanzenplanung nur selten medizinische Aspekte wie etwa die Pollenintensitität. Laut Balatoni ein Fehler, da sich aus dem ganzheitlichen Denken auch technische Vorteile ergeben können. Wird die künftige Pollenbelastung der Außenluft beim Pflanzkonzept mitgedacht, verschmutzen Filter von Lüftungsanlagen weniger stark. Dadurch sinken auch die Wartungskosten. „Auch das Facility Management im laufenden Betrieb spielt eine Schlüsselrolle, etwa durch korrekt dosierte, duftstoffarme Reinigungsmittel. Für sensible Menschen kann dies oft ein Gamechanger sein“, sagt sie.
Als Beispiele für allergikerfreundliche Projekte nennt Balatoni das Pilotprojekt am Tacheles-Areal in Berlin, wo interdisziplinäre Zusammenarbeit neue Lösungen ermöglicht hat. Ein aktuelles Beispiel ist das UBM-Wohnprojekt, das derzeit im Stadtteil Berg am Laim im Münchner Osten entwickelt wird. Das auf dem ehemaligen Bogner-Areal in Holz-Hybrid-Bauweise entstehende Timber Living ist von der AFBA bereits vorzertifiziert und wird neben Wohnungen und einen Supermarkt auch einen Kindergarten umfassen.
Mit steigenden Allergiezahlen erwartet Balatoni eine steigende Nachfrage und einen steigenden Aufklärungsbedarf. „Gesundheit wird im Kontext von ESG-Anforderungen weiter an Bedeutung gewinnen. Akteure können durch bewusste Materialwahl, Renovierung und informierte Entscheidungen aktiv Einfluss nehmen.“ Allergikerfreundliche Gebäude zahlen direkt auf soziale ESG-Ziele ein, reduzieren krankheitsbedingte Ausfälle und erhöhen die Attraktivität von Immobilien für Mieter und Investoren. Berger stimmt zu: „Gerade institutionelle Anleger erkennen immer öfter: Ein Gebäude, das krank macht, ist kein nachhaltiger Vermögenswert. Gesundheit galt lange als ,Soft Factor‘ und entwickelt sich zum harten Investmentkriterium.“